21 Jun

Mittsommer und Linde

geschrieben von Maren Ziegler

Die Linde (Tilia)

„Sieh das Lindenblatt, du wirst es wie ein Herz gestaltet finden, darum sitzen die Verliebten auch am liebsten unter Linden“, dichtete Heinrich Heine.


Zahlreiche Volks- und Liebeslieder besingen die Linde, die für uns wie kein anderer Baum mit Heimatgefühl und Geborgenheit verbunden ist und uns besonders am Herzen liegt. Ihre ganze Gestalt und auch ihre Blätter ähneln der eines Herzens. Die herzliche Botschaft der Linde stärkt und heilt das Herz.


Die meisten Lindengeschichten sind auch Liebesgeschichten, denn die Linde ist der Baum der Liebe. Die Linde war als heiliger Baum der Wohnort von Freya/Aphrodite, der Göttin der Liebe und des Glücks. Im Christentum wurde sie Maria zugeschrieben; noch heute wird die Maria-Linde verehrt.


Die Linde stand früher oft im Mittelpunkt von Dörfern und Städten. 

Die alte mächtige Dorflinde verkörperte für die keltische und germanische Dorfgemeinschaft die Mitte des gesellschaftlichen Lebens. Unter ihrem Schutz fanden die großen Dorffeste, die Hochzeiten und Jahrmärkte statt. 
Sie war auch als Tanzlinde bekannt, wurde so gestuft, dass in ihnen ein Gerüst für die Tanzenden oder die Musikkapelle errichtet werden konnte.

Die Limmersdorfer Stufenlinde ist eine Linde, in deren Geäst noch heute getanzt wird.
 Auch die Alten trafen sich unter der Dorflinde, um zu plaudern, sich zu beraten und Dorfgericht zu halten. Bei den Germanen wurden unter „Gerichtslinden“ Gerichts- und Thingversammlungen abgehalten, in denen man Wahrheit und Versöhnung suchte. In der Geschichte „Die drei Linden“ hat Hermann Hesse von einem Linden-Urteil erzählt. 
Auch war die Linde der Schutz- und Familienbaum, der der Gemeinde oder einer einzelnen Familie Glück und Gesundheit bescheren sollte.

In Estland beteten die Menschen – sogar nach Bekehrung zum Christentum – die Linden an. Den Bäumen wurden kleine Opfer und Bittgaben dargebracht. Frauen baten um Kindersegen und banden sie in die Zweige.

Der Baum des Drachen

Der Lindwurm (lint = ahd. Drache) ist ein wendiger, biegsamer flügelloser Drache namens Fafnir. Sein Blut verleiht Unsterblichkeit. Siegfried tötet den riesigen Drachen, und gerade als er in seinem Blut badet, fällt ein Lindenblatt zwischen seine Schulterblätter. Diese Stelle nutzte Hagen, um Siegfried unter einer Linde zu töten (Siegfried-Sage).

blog-mittsommer-linde 02Schon vor 4.000 Jahren, in der Bronzezeit, wurde Lindenbast als Stoff verwebt. Ebenfalls aus Bast wurden Schilder, Papier, Kleidung, Betten, Matratzen und Körbe hergestellt. Das „Basteln“ hat hier seinen Ursprung.

Das warme Holz eignet sich gut zum Schnitzen und Drechseln. Es lässt sich zur Herstellung von Bleistiften, Holzspielzeug und Zündhölzern verwenden. Die Holzkohle ist gut geeignet als Zeichenkohle.
 Lindenblätter dienten früher für sehr unterschiedliche Sachen, zum Beispiel als Klopapier oder als Verfeinerung für Brot. Als Vorgarten- und Straßenbäume dienten Lindenbäume als Windschutz.
 Eine energetische Räucherung aus getrockneten Blüten und Rinde wirkt ausgleichend, entspannend und harmonisierend. Die Lindenblätter und -blüten sind roh oder gekocht essbar. Im Herbst abfallende Blätter sind als Rauchtabakersatz geeignet.

Die Linde lindert – und hilft, die Anspannung des Tages hinter sich zu lassen. Der Blutdruck wird ausgeglichen und Lebensfreude hat wieder Platz.
Die frischen Blätter sind schleimstoffhaltig und können, gut und langsam gekaut, Magenschmerzen und Sodbrennen beruhigen. Ein heißer Lindenblütentee bei einer Grippe, einer Erkältung, Husten oder vor dem Einschlafen getrunken, treibt den Schweiß und mit ihm Viren und Bakterien aus allen Poren. Dieser „Schwitztee“ lindert Entzündungen, senkt das Fieber und unterstützt die Abwehrkräfte.

blog-mittsommer-linde 03Lindenblüten beruhigen gestresste, nervöse Menschen und überdrehte Kinder können mit dem Tee entspannen und sehr viel ruhiger werden. Ein Blütenbad ist eine wärmende Wohltat bei Nervosität, Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Rheuma oder Arthrose.

Äußerlich angewendet - als Kompresse auf die Augen gelegt - hilft der Blütentee bei entzündeten und ermüdeten Augen.
Lindenblütenöl hilft äußerlich angewendet bei geröteter, rissiger, geschwollener, juckender und trockener Haut und Entzündungen der Schleimhäute (z.B. Mund).


Die Lindenkohle (Lindenholzasche) hilft bei Durchfall, Vergiftungen, Blähungen, Erbrechen, entzündlichem Magen, Sodbrennen und Darmerkrankungen, indem sie Giftstoffe, Säuren und Viren bindet. Zusammen mit getrockneten Salbeiblättern desinfiziert und stärkt sie das Zahnfleisch. Lindenkohle kann sogar als Zahnpasta-Ersatz verwendet werden.


In der Küche finden die jungen zarten Blätter im Frühling im Salat und in der Suppe Verwendung. Im Herbst können die frühen Knospen als Salat- und Suppenbeigabe gegessen werden. Die Blüten dürfen in den Smoothie.

Für Kräutersammler ist der Mittsommer der Sammelhöhepunkt. Neun (oft auch 7, 77 oder 99) Johanniskräuter werden traditionell gesammelt. Zu den bekanntesten Pflanzen gehört an erster Stelle das sonnendurchtränkte Johanniskraut, das vor allem antidepressiv und entzündungshemmend wirkt.


In den nächsten Blog-Einträgen informiere ich Sie ausführlich über das Johanniskraut, den Beifuß, die Schafgarbe, die Ringelblume und die Königskerze.
Ich freue mich sehr, wenn sie wieder vorbeischauen, um tief in die Pflanzenwelt einzutauchen.

Blühende Grüße von Maren Ziegler (Heilpraktikerin & Kräuterfrau)